Bei unserer letzten Fahrt mit den Zodiacs haben wir bereits einen Vorgeschmack darauf, bekommen, was raue See bedeutet, und jetzt, am letzten Tag, stecken wir mittendrin mit dem Schiff. Bei Windgeschwindigkeiten von über 55 Knoten (über 100 km/h) ist eine Ausfahrt mit Zodiacs nicht möglich, und so wird Ezcurra Inlet, wie gestern bereits Whaler’s Bay, nur mit dem Schiff befahren. Im Anschluss geht es auf offene See, und hier beginnt der Spaß erst richtig. Das Schiff schwankt beträchtlich nach rechts und links, auf und ab, oder beides zugleich. Eine Durchsage des Kapitäns erinnert daran, dass beim Schiffsarzt Medikamente gegen Seekrankheit eingenommen werden können, und beim Mittagsessen sind nur noch zwei Drittel der Teilnehmer anwesend. Unsere Nachmittagstour wurde aufgrund der widrigen Bedingungen von vorherein gleich als reine Besichtigung vom Schiff aus geplant. Wir sind jetzt ein Spielball der Naturgewalten.
Beim Abendessen wird uns dann mitgeteilt, dass nach den Verzögerungen beim Hinflug nun auch beim Rückflug der geplante Termin aufgrund viel zu tiefhängender Wolken nicht eingehalten werden kann. Tags drauf erfahren wir beim Frühstück, dass der frühestmögliche Zeitpunkt für einen Rückflug wohl erst am Donnerstag, also vier Tage später wäre. Aus diesem Grunde würden wir augenblicklich die Rückfahrt durch die Drakestraße antreten, zumal die Bedingungen dort selten so friedlich wären wie gegenwärtig.
Vor einigen Tagen hatte ich erfahren, dass die Rückfahrt der Gruppe, welche nach uns das Schiff betreten würde, durch besagte Drakestraße verlaufen würde. Ich hatte daraufhin einigen Mitreisenden gesagt, dass ich es interessant fände, selbst dort entlangzufahren, um zu erfahren, wo meine Grenzen lägen. Hätte ich doch bloß den Mund gehalten. Von der ersten Minute an schaukelt es, und es nimmt kein Ende. Der Versuch, ein paar Bilder am Notebook zu bearbeiten, scheitert kläglich an sofort aufkommender Seekrankheit. Dem Vortrag über Shackleton folge ich den Blick starr aufs Fenster gerichtet, oder die Augen ganz geschlossen. Immerhin bleibt nach dem Mittagessen, als es mir besser geht, endlich Zeit, die Sauna auszutesten. Das Abendessen habe ich nicht vertragen. Ich falle danach sofort ins Bett und hole endlich den Schlaf nach, der mir während der Reise oftmals gefehlt hat.
Der folgende Tag verläuft ähnlich, doch immerhin geht es mir mittlerweile deutlich besser. Die Besatzung und die Profiphotographen sind bemüht, ein Programm auf die Beine zu stellen, doch zumindest den Photographen sind weiterhin sichtlich mitgenommen vom Seegang. Einige versuchen unter der Anleitung eines Tourführers Seevögel rund um das Schiff zu photographieren, scheitern jedoch an der fast vollständigen Abwesenheit von Vögeln. Denen wehe wohl nicht genug Wind, meint der Expeditionsleiter und Vogelexperte. Die Photographen staunen ungläubig. Außerdem bekommen wir die Gelegenheit, entgegen ursprünglich anderslautender Aussagen doch noch der Brücke einen Besuch abzustatten.
Als wir am nächsten Morgen aufwachen, befinden wir uns längst im geschützten Beagle-Kanal. In der aufgehenden Sonne erstrahlen vor uns die Gipfel der südlichsten Andenausläufer, an deren Fuß das Städtchen Puerto Williams und seine ca. 3000 Einwohner langsam erwachen. Nachdem aller administrativen Kram mit den Behörden erledigt ist, werden wir mit den Zodiacs an Land gebracht. „Endlich festen Boden unter den Füßen“ denken sich die meisten, und doch werfen sie dabei wehmütige Blicke in Richtung des Schiffs. Busse bringen uns durch weitgehend unberührte Wälder, vorbei an malerischen Buchten und vollkommen stillem Meer auf die andere Seite der Bucht zum Flughafen, der sich von dem in King George Island nur dadurch unterscheidet, dass die Start- und Landebahn hier geteert ist. Das Terminal besteht aus zusammengeschweißten Containern, eine Gepäckkontrolle gibt es nicht, die Passkontrolle erfolgt an einem simplen Holztisch, und ein britischer Mitreisender meint scherzhaft „Did you see the business lounge in the back? It’s where you do your business.“
In zwei Maschinen überfliegen wir erneut die Inseln Feuerlands auf dem Rückweg nach Punta Arenas. Wilde, raue Natur zieht unter uns vorbei, mit riesigen Seen und Flüssen, welche sich gemächlich durch endlose Wälder in den abgelegenen Bergtälern schlängeln, und immer wieder Berggipfeln, welche die Wolken überragen.
Nach 45 Minuten Flugzeit sind wir zurück am Ausgangspunkt unserer Antarktis-Expedition, rechtzeitig, um etwas zu Essen, und – im Gegensatz zu den meisten Gästen an Bord – ohne Umbuchung den Rückflug in Richtung Santiago anzutreten.