Seit gestern Nacht bin ich wieder in Santiago de Chile, und diesmal soll es ein etwas längerer Aufenthalt sein als beim ersten Mal, als es nur für einen Terminalwechsel am Flughafen gereicht hat. Die Fahrt mit dem Taxi zur gemieteten Wohnung lässt die Silhouette der Stadt im Dunkeln nur erahnen, doch vor mir breitet sich ein Meer von Lichtern aus, soweit das Auge reicht. Welch ein Gegensatz zu Punta Arenas.
Der nächste Gegensatz wird erst am nächsten Morgen so richtig spürbar: statt bisher Temperaturen um den Gefrierpunkt in der Antarktis und von ungefähr zehn Grad in Punta Arenas, sind es hier im Schatten 32 Grad zur Mittagszeit. Dies dürfte auch ein Grund sein, weshalb ich völlig erschöpft kaum aus dem Bett komme. Zeit, endlich ein paar Bilder zu bearbeiten und die letzten Einträge zur Antarktisexpedition fertigzustellen.
Am Nachmittag treibt mich dann der Hunger doch langsam vor die Türe. Meine Ferienwohnung liegt nur wenige hundert Meter von der Plaza de Armas entfernt, dem Hauptplatz von Santiago. Hier befinden sich einige alte Gebäude, inklusive der Kathedrale und der Hauptpost, flankiert von hypermodernen Glastürmen und halb verfallenen Wohnblöcken. Der Kontrast ist extrem und durchaus gewöhnungsbedürftig, doch nach einiger Zeit entwickelt er durchaus seinen Charme, und es beginnt, mir in der Stadt zu gefallen. Nur wenige Blöcke entfernt von der Plaza de Armas finden sich zwei weitere große Kirchen, die meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ohne wirklich auf das Navi zu blicken stehe ich plötzlich vor einem Park an einem Hügel, und mir dämmert, dass ich den Cerro Santa Lucia entdeckt habe. Dieser Park bietet viel Schatten und ein angenehm kühles Klima im Vergleich zum Rest der überwiegend zubetonierten Stadt. Der monumentale Neptunbrunnen zieht die Südseite des Hügels und bietet zugleich mehrere Treppen, um in Richtung des Gipfels zu steigen. Dort finden sich weitere kleine Gartenanlagen, welche Touristen und Einheimische gleichermaßen zum Verweilen einladen, eine Kapelle, und die Reste von zwei spanischen Bastionen aus dem 19. Jahrhundert, die beim Kampf um die Unabhängigkeit Chiles teilweise zerstört wurden. Mein Plan, von dort eine schöne Aufnahme des Sonnenuntergangs zu machen, geht leider nicht auf, da ich um kurz vor 20:00 vom Sicherheitsdienst des Parks aufgefordert werde, diesen zu verlassen.
Wie bunt und laut die Stadt ist, zeigt sich auch am nächsten Tag. Es geht in Richtung des Mercado Centrals, des überdachten Marktes. Hier finden sich Unmengen Fischstände, ein paar Obst- und Gemüsehändler und in einem Nachbargebäude die Metzger. Jeder preist lauthals seine Wahre und seine Preise an, doch zumindest mir als Touristen ist es unmöglich, einzelne Personen aus diesem Durcheinander herauszuhören. ei über 30 Grad draußen wird mir auch schnell klar, dass der Gedanke aus der Antarktis, eine Pinguinkolonie würde wie ein Fischmarkt bei 30 Grad am Nachmittag riechen, eine ziemlich treffende Beschreibung war.
Nach dem Markt streife ich relativ ziellos durch die Straßen und stelle fest, wie sich nach und nach die Umgebung verändert. Weniger Hochhäuser, hin zu flacheren Häusern mit nur zwei, höchstens drei Stockwerken. Die Umgebung wird immer bunter, die Graffiti wandeln sich von Schmierereien zunehmend zu Kunstwerken. Weniger Wert scheinen die Bewohner auf den Erhalt der historischen Bausubstanz zu legen, zahlreiche Ornamente an historischen Fassaden fehlen bzw. verfallen ungehindert vor sich hin.
Nachdem ich die Viertel Barrio Brasil und Barrio Yungay durchquert habe, erreiche ich den Parque Quinta Normal, einen großen Park mit künstlichem See, welcher vor allem Familien mit jüngeren Kindern anzieht, die dort in bunten Tretbooten ihre Runden drehen. Die Spielplätze wirken hingegen völlig verlassen. Bei über 30 Grad und ohne Schatten ist das wohl wenig überraschend. Umso angenehmer ist es hingegen auf dem Rasen unter den zahlreichen Palmen, wo fliegende Händler Getränke und Eis anbieten, Pärchen davon ungestört vor sich hin schmusen und sich Musikgruppen zum gemeinsamen Musizieren treffen. Auf dem Rückweg wird es noch geschichtsträchtig, als ich plötzlich vor dem Präsidentenpalast Palacio de la Moneda stehe. Hier nahm sich 1973 Salvador Allende unter dem Feuer der rechten Putschisten um Augusto Pinochet das Leben. Heute erstrahlt er im Gegensatz zu vielen Gebäuden des Zentrums wieder in aller Pracht, und stolz weht davor eine der größten Fahnen im Wind, der ich je begegnet bin.