Aus dem Fenster des Fliegers erblicke ich am Horizont die Lichter des nächtlichen Sydneys leuchten und bin erleichtert, wieder in der westlichen Welt angekommen zu sein. Wegen der Dusche, der Sauberkeit, des Komforts, klar, aber auch, weil die letzten 36 Stunden ziemliches Chaos waren.
Vor unserer Abreise aus Emaio sind wir noch eine Weile Gäste bei der Hochzeit der Nichte des amtierenden Premierministers Vanuatus, die einen Mann aus dem Dorf heiratet. Gefühlt ist nicht nur das gesamte Dorf versammelt, sondern auch das Dorf des Bräutigams, und auch zahlreiche Menschen, die aus Neukaledonien angereist sind und an ihrer insgesamt prächtigeren Kleidung und Kopfschmuck (bei den Damen), oder an den um die Hüften gebundenen Fahnen zu erkennen sind.
Es werden bei der Zeremonie Unmengen von Geschenken in Form von Nahrungsmitteln, Kava, Palmmatten, Taschen, Stoffen, einer lebenden Ziege, einem roten Rind und fünf Schweinen, die vor aller Augen zeremoniell erschlagen werden, an die Vertreter aus dem Dorf der Braut übergeben. Es ist so viel, dass eigens ein LKW anrücken muss, um die Güter abzutransportieren. Die Dorfältesten aus dem Dorf des Ehemanns, welches die Braut jetzt aufnehmen wird, halten einige Reden, die nur Ulla versteht. Das Brautpaar steht, anders als bei einer westlichen Hochzeit, nicht im Mittelpunkt, sondern hält sich bei der Zeremonie, jedenfalls bis zu diesem Zeitpunkt, im Hintergrund. Wir können es dennoch ausmachen und einige Bilder machen, bevor wir abreisen müssen.
Am Fuß des Yasur halten wir noch einmal kurz in der Ascheebene, um noch einige letzte Bilder zu machen. Dann geht es zum Hotel in direkter Nähe zum Inselflughafen. Ulla hatte uns gewarnt, dass Air Vanuatu notorisch unzuverlässig wäre, und um nicht kurzfristig morgens um drei im Pick-up die Insel im Dunkel der Nacht überqueren zu müssen, hatten wir eine Unterkunft kaum 10 Minuten vom Flughafen ausgesucht. Ob das wirklich die bessere Wahl war? Im Nachgang ist sich da niemand mehr so sicher. Das Hotelpersonal jedenfalls hat weder einen Überblick darüber, welche Zimmer frei sind, wie viele Betten welches Zimmer hat und was sie eigentlich kosten. Die meisten Zimmer haben entgegen der Zusagen kein warmes Wasser, die Laken sind befleckt, die Dusche schimmlig und in einige Räume unter dem Dach soll es nachts geregnet haben. Selbst von der Speisekarte sind 80% nicht verfügbar. Ich schlafe heute lieber nicht einmal im Schlafsack.
Als wir am nächsten Morgen treffen wir am Flughafen den Vizepremierminister. Der chartert Mal eben mit seinem Gefolge die Maschine, mit welcher wir fliegen wollten, so dass wir auf einen zweiten Flug warten müssen, der aber noch nicht einmal aus der Hauptstadt abgehoben ist. Wir fliegen zu zweiundzwanzigst in einer Rein Otter mit nur neunzehn Sitzen, die drei Kinder an Bord müssen auf dem Schoß ihrer Eltern Platz nehmen. Undenkbar bei jeder westlichen Airline… Aber auch die Maschine an sich ist ein fliegender Haufen Schrott, die Türe schließt nicht richtig, ein Fenster sieht von außen eingedrückt aus, und an der Decke wird die Verkleidung mit Tape zusammengehalten. Wegen der Überbuchung muss im Gegenzug jedoch unser Gepäck vor Ort bleiben, da die Maschine sonst hoffnungslos überladen wäre. Es soll dann am Nachmittag mit einer weiteren Maschine nachgeschickt werden.
Wird es dann aber doch nicht. Auch nicht wie fest zugesagt am nächsten Morgen mit der ersten Maschine um 9:50. Als dann mit der zweiten Maschine gegen Mittag mein Koffer endlich wieder neben mir steht, ist die Erleichterung groß. Andere haben weniger Glück und müssen noch länger warten, bis eine dritte Maschine gerade noch rechtzeitig für den Rückflug auch ihr Gepäck endlich zurück nach Port Vila bringt. Zum Glück auch für Air Vanuatu, denn das Gepäck internationalen Passagieren hinterherzusenden hätte die Airline vermutlich in die Pleite getrieben.
Im Taxi geht es ins Hotel. Endlich frische Kleidung anlegen – was für eine Wohltat, nachdem ich diesen Zustand doch abgelegt dachte, als wir den Dschungel verlassen haben! Der Ausblick aus dem Fenster ist selbst bei Dunkelheit phänomenal, und ich bin voller Vorfreude auf den kommenden Morgen. Leider hat das Restaurant im Hotel bereits geschlossen, also breche ich auf zu einem nächtlichen Bummel durch die Stadt. Ich überquere im Zug die Harbour Bridge, erkenne dabei die Oper im Hintergrund, und streife durchs Central Business District. Samstags ist wie überall die Hölle los, aber die modischen Präferenzen einiger Sydneysiders passen nicht recht zu den vorherrschenden Temperaturen. Bei 12 Grad und leichtem Wind laufen einige herum, als hätte es 30 Grad, und andere, als wären sie gerade bei Minusgraden unterwegs. Die auffälligste Kombination an diesem Abend war jedoch der Winterparka mit Pelzkragen, getragen zu sehr kurzen Shorts und Sandalen.